Pankgräflicher Kriegszug nach Greifswald und Swinemünde

Ableitung der Panke – Pankgräflicher Kriegszug nach Greifswald und Swinemünde

 

Die edlen Recken der Pankgrafschaft hatten sich für das Jahr 1930 vorgenommen, friedvoll
auf ihrem Ruhm auszuruhen und in Gemütlichkeit den
Humpen zu schwingen. Dagegen trug sich die Hochmeisterei mit großen
Gedanken. In früheren Jahrhunderten schiffte sich die Pankgrafschaft mit
ihrer Spezialflotte auf der Panke nach allen Himmelsrichtungen ein. Das
Seefähren lag ihr von früheren Zeiten her gewissermaßen noch im Blute
und die Hoffnung, wieder auf stolzen Kähnen durch die Meere zu ziehen,
war nie ganz aufgegeben worden. Kein triftiger Grund lag vor, uns etwa
notwendig werdende ‚Ankerplätze zu verweigern.

Solche Notwendigkeit trat jedoch im Jahre 1930 ein, als die Berliner Stadtväter
in ihrer Harmlosigkeit beschlossen, die Panke zum Tegeler See abzuleiten. Die Dringlichkeit
einer Rede am offenen Meer war also nicht von der Hand zu weisen, Wir schrieben aus
dieser Notwendigkeit heraus einen freundschaftlichen Brief an die See- und Handelsstadt Swinemünde,
dass wir dort am Bollwerk etwa 1o qkm Land vermessen hätten und forderten die
Stadt auf, uns dieses kleine Stück Ufer abzutreten.

Ganz wider Erwarten wollten sich die Herren des Swinemünder Magistrats
dazu nicht bereit erklären. In ihrem Antwortschreiben taten sie so, als seien
sie die Herren der Welt. Sie wagten es sogar, unsere Seetüchtigkeit anzuzweifeln, wo uns
doch der Unterschied zwischen achtern und hinten ganz
genau bekannt ist. Da nutzte alle Friedfertigkeit nichts. da konnte nur noch
das blanke Schwert in der nackten Faust entscheiden.

Auch die Stadt Greifswald, wo wir uns gleichfalls ein brauchbares Stück
Land am Hafen ausgesucht hatten, wollte von einer freiwilligen Abgabe
nichts wissen. Sie pochte wohl auf ihr Recht, da ihr als Schiffshauptmann
der rühmlichst bekannte U-Boot-Kapitän Freiherr von Forstner zur Verfügung stand.
Das konnte für uns nicht ausschlaggebend sein, denn unser
Drang zur Küste war infolge der Pankeverlegung eine Lebensfrage geworden. So flogen
denn unsere Fehdehandschuhe — Marke Breitensträter und
— in die bedrohten Städte und baumelten zur letzten Mahnung
und Warnung im Winde schrecklich hin und her.

Am 27. Juni brach der pankgräfliche Heerbann auf, um die widerspenstigen
Städte zu berennen. Da der Hochmeister annahm, dal5 wir mit den Gegnern
sehr schnell fertig werden würden, waren für den ganzen Feldzug nur drei
Tage angesetzt, die, wie sich dann herausstellte, auch völlig genügten.

Die Swinemünder hatten auf dem Marktplatz einen großen Festungswall
errichtet, hinter dem die Schützengilde, die Feuerwehr und die Rudervereine Aufstellung
genommen hatten. Wie die gegnerischen Kriegsberichterstatter meldeten, musste die Stimmung
der städtischen Wehrmacht durch flotte Märsche und erhebliche Mengen „Bohrisch-Bier“
wachgehalten werden. Auf sehr viel kriegerischen Geist lief? das nicht schließen. Sogar die
Artillerie auf der „Grünen Fläche“ schien den Söhnen der Stadt keine Garantie für den Sieg zu sein.
Der pankgräfliche Kriegszug stieß überraschenderweise gleich bis ins Herz
der Stadt, nämlich zum Bollwerk vor, heftig beschossen von der „Grünen
Fläche“ her. Unsere schnell auffahrende Feldartillerie war aber auch nicht
faul und so hob denn ein heftiges Getöse und Geballere von beiden Seiten
an. Nach genügender Feuervorbereitung setzte der Sturmhaufen zum Angriff auf den Wall an.
Es galt. den Hauptpunkt desselben, das mit Strandkörben verbarrikadierte Tor, zu stürmen.
Die Schützen leisteten zwar tapfere Gegenwehr Lind hielten im dichten Kugelregen stand,
als aber an der einen Seite die Festungsmauer zu brennen anfing, erschien ihnen die weitere
Verteidigung aussichtslos. Schritt für Schritt eroberten wir den Swinemünder
Boden, bis schließlich der Widerstand endgültig gebrochen war.

Auf dem langen Weg zum „Kurhaus“ hatte sich eine riesige Menschenmenge
angefunden, die uns freudig begrüßte. Nicht nur die Einheimischen der
Stadt, sondern auch die Badegäste aller umliegenden Badeorte und viele
Stettiner waren gekommen. Vor dem „Kurhaus“ wurden wir vom Bürgermeister mit seinem
gesamten Rat empfangen. Nachdem er in seiner Begrüßungsansprache auf die tapfere
Verteidigung hingewiesen hatte, bat er um Milde und Verzeihung. Er erwähnte unseren
Edelmut und unsere Ritterlichkeit, sprach von einem möglichen zweiten Vineta und beschwor uns, ein
solches Unglück nicht über die Stadt zu bringen.

In Greifswald machte man uns das Leben sehr viel schwerer. Die Verteidiger
waren durch eine zahlreiche Studentenschaft verstärkt worden, die sich außer
ihrer Fechtkunst viel zugute tat. Sie nahm auch die erste Linie der Verteidigung
ein und hatte sich beim „Paepke-Tor“ postiert, wo eine starke Barrikade unseren Vormarsch hemmte.

Der „Kriegsberichterstatter“ der „Greifswalder Zeitung“ schrieb hierüber:
„An der ‚Paepke-Brücke‘ hielt das Gros der Studenten mit Kanonen
die Wacht. Da, mit einem Male setzte sich die Sturmkolonne der Pankgrafen in
Bewegung und drang mit ihrem Schlachtruf auf die Barrikade
ein. Rauchwolken stiegen auf, Kanonenschüsse ballerten und verhallten,
heißblütige Verteidiger wehrten die Eindringlinge ab, bis die feindliche
Schar temperamentvoll durch das Tor stürmte und die harrenden Bürger,
die sich zu Tausenden am Wall und in der Domstraße gesammelt hatten,
erkennen mussten. dass’ die Einnahme der Stadt nicht mehr zu verhindern
war. Und jubelnd anerkannten die Bürger Greifwalds das bessere Kriegsvolk der
stürmenden Schar und empfingen sie mit vielstimmig hallendem
Begrüßungsruf, der sich von Straße zu Straße fortpflanzte. Knappen standen am Tore
und überreichten den einziehenden Siegern zum Zeichen der
Übergabe und der Freundschaft Salz und Brot, die heiligen Symbole.“
So schien denn alles in Ordnung zu sein und unsere Herzen waren wie in
Swinemünde zur Milde geneigt. Auf dem Markt empfing uns der Oberbürgermeister mit
seinen Ratsmannen in Amtstracht. Aber was er sagte,
klang so wenig nach Unterwerfung und angemessener Demut eines Besiegten, dass
die vom Sturmhaufen erhoffte Plünderung doch wieder in Reich-
weite rückte Man höre und staune: „Hochedle Herren von Panke und
Spree! Der Kampf ist vorbei. Eine Schlacht war es nicht zu nennen, denn
das Raufen war gottlob nicht so blutig wie ein Schlachtfest. Ihr habt ja die
Mauern und Tore der Stadt im ersten Ansturm überrannt, an denen sich
Wallenstein und der Große Kurfürst vergeblich den Kopf einrannten.

Freilich, den Sieg verdankt Ihr nicht Eurer Kriegskunst. Nur tückische
Kriegslist, mit neuartigen Bonbonkanonen zu schießen und uns mit Schoko-
lade zu bewerfen, hat uns entwaffnet. Eure große Säumigkeit hat uns bezwungen.
Wir haben Euren ‚Angriff, Eurer Ankündigung gemäß, bereits vor
acht Tagen erwartet. Da Ihr aber nicht kamt, haben sich namentlich unsere
siegesdurstigen Studenten. Fischer und Schiffer, enttäuscht über Euren vermeintlichen
Rückzug, ohne Sieg, aber umso durstiger, auf einen anderen
Feind gestürzt und ihn in den Schänken angegriffen, den sie leider nicht
ertragen und vertragen, geschweige denn überwältigen konnten. So waren
die Mauern nur schwach besetzt und leicht zu nehmen. An ihren zerschlissenden Kleidern
und Beulen werdet Ihr aber erkannt haben, dass nicht bloß
die Märker Mark in den Knochen haben, sondern dal3 auch die pommerschen Knochen markig zuzuschlagen vermögen.

Wenn \\‘ir uns ergeben, erhoffen wir von Euch ritterliche Milde. Immer verlange es
Ritterehre, dass der ehrliche Feind, der sich tapfer zur Wehr gesetzt
habe, geschont werde. Darum erwarten wir auch von Euch, dass Ihr mit der
Bürgerschaft, insbesondere mit Frauen und Jungfrauen. schonend verfahrt
und keinen Angriff gegen den städtischen Geldbeutel unternehmt, der ohne—
dies schon ein so erhebliches Loch hat, dass es auch Euer wohledler, in den
Finanzen erfahrener Magistrat nicht ohne weiteres zu stopfen vermag.

Wir werden jedenfalls keinen Frieden mit Euch schließen, der uns Lasten
auferlegt, die wir nicht erfüllen können, auch wenn Ihr uns in den „Gefangenenturm
am Schützenwall“ werfen wolltet, der allerdings auf solchen Besuch
nicht vorbereitet ist. Wolltet Ihr uns einen solchen Frieden aufzwingen,
unsere Rache und Euer Untergang würde Euch gewiss sein.’ Darum bieten
wir Euch nach wohlweislichem Rat ein Bündnis an zu gegenseitigem Schutz
Lind Trutz. Greifswald ist mit seiner Universität, seinen kulturellen Einrichtungen
und Kräften ein starker Schutzwall gegen die Slawische Flut, die
auch Euch gefährdet. Lasst also den inneren Hader und Streit Lind vereinigt Euch mit
uns zu einer starken Wehr, die nicht zu brechen ist, wenn Nord und Süd treu zusammenhalten!
So ‘überreiche ich Euch denn, Eurer Einsicht und Vaterlandsliebe
gewiss. den Schlüssel der Stadt und entbiete Euch zum Willkommen aus
diesem alten Meisterbecher den besten Trunk Greifswalder Gerstensaftes.“

Es war ein Glück für Greifswald, dal3 der Oberbürgermeister im zweiten
Teil seiner Rede auf die Gesinnungsgemeinschaft hinwies und auf die Notwendigkeit,
allen inneren Hader und Streit angesichts der dem deutschen
Vaterland von draußen drohenden Gefahren beiseite zu lassen. denn sonst
hätten Wir sicher im Zorn über die kecke Anmaßung seiner ersten Worte
die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Greifswalds Schicksal hing wirklich in
diesem Augenblick nur an einem seidenen Faden, den der Hochmeister allerdings durch seine
versöhnliche Antwort zu einem dicken Tau verstärkte.
Und so endete auch dieser Sturm wieder mit einer allgemeinen Verbrüderung, die zeigte, dass die
Herzen aller Deutschen, gleichviel ob es sich um
Bayern, Rheinländer, Sachsen, Brandenburger, Pommern oder gar um die
viel verlästerten Berliner handelt, innig zusammenschlagen. Es bedurfte nur
eine; kleinen Anstoßes, einer in Mutterwitz und Humor gekleideten Anregung, um allen
Partei- und Stammeshader in der tiefsten Versenkung verschwinden zu lassen.

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