Ritterfahrt Soest und Münster 1931

Ritterfahrt Soest und Münster 1931

 

Ritterfahrt nach Soest und Münster: Dienst am Volk
Die Grundeinstellung der Pankgrafen war, wie schon mehrfach erwähnt,
urdeutsch ohne alle Kompromisse, Die innerhalb der Pankgrafschaft im
Vordergrund stehende Frage war die, ob wir die vorgesehene Ritterfahrt
nach Soest und Münster durchführen sollten oder nicht. Der Stellvertreter
des Hochmeisters, Martin Boese. nahm zu dieser Frage offiziell Stellung.
Er sagte unter anderem:
„ . . . Wenn wir die Ritterfahrt nur als Lustfahrt ansehen, wenn sie nur dazu
dienen soll, uns Vergnügen, Freude zu bereiten, dann sage ich aus vollem
Herzen: Sie muss unterbleiben! Es ist dann in der heutigen trostlosen,
schweren Zeit kein Platz für solche Fahrten. Wer als echter Pankgraf das
Wesen der Pankgrafschaft voll verstanden hat, der wird mir in meinem
„Nein“ uneingeschränkt beipflichten! Die Ritterfahrt ist Dienst — Dienst am
Volk! Dienen zu dürfen und helfen zu dürfen, immer wieder zu rufen:
Haltet aus, wir wollen uns mit Euch für Deutschlands Gesundung ein-
setzen, wir wollen ablassen vom Parteihaß, vom Hader, wir wollen uns
wiederfinden in der Liebe zu unserem Vaterland! Das soll der innere Zweck
der Ritterfahrt sein. Sie soll zeigen, dass Heimatliebe und Heimattreue die
großen tragenden Kräfte sind, die uns wieder emporführen werden zu besseren
Zeiten.

Was hilft es, dal3 wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit!

Und deshalb muss es heißen: Wer Schaffen will, muss fröhlich sein! Und
unter dieser Devise wollen wir unsere Fahrten gen Nord und Süd, gen Ost
und West ausführen! in Fröhlichkeit, im Scherz, im Humor soll auf allen
unseren Ritterfahrten stets die Liebe zu unserer Heimat, zu unserem Vaterlande
uns durchdringen, zu helfen aber auch dem Nächsten, ihn zu verstehen lernen!
Dann werden auch alle Pankgrafen den besonderen Dienst bei unseren Ritterfahrten
erkennen. Es muss, es wird doch eine Zeit kommen, wo Deutschlands Schlimmstes,
seine innere Zerrissenheit, einmal überwunden ist! Das soll nicht nur Glaube sein,
das muss Wille werden und dazu wollen wir mithelfen!“

Unter diesen Gesichtspunkten, die auch von den führenden Männern in
Soest und Münster geteilt wurden, war es geradezu Pflicht, die Ritterfahrt
durchzuführen. Diejenigen Großkomture, die vorher Bedenken geäußert
hatten, hatten sich schnell überzeugen lassen, das ihre Gedankengänge
durchaus verständlich, aber doch mit dem Wesen unserer Fahrten nicht in
Einklang zu bringen waren. Und der Erfolg der Fahrt, die Sorgfalt ihrer
Vorbereitung sowohl bei uns wie bei den Städten und die glänzende Durch-
Führung gaben unserem Boese recht. Die Fahrt hatte in Westdeutschland
einen jede Hoffnung weit übersteigenden Anklang gefunden. Aus allen
Städten des menschenreichen Industriegebietes, selbst aus Holland, strömten
ungezählte Tausende herbei. um für Stunden und Tage das Elend des
Alltags zu vergessen, sich an unserer Fröhlichkeit zu erbauen Lind an unserer
Heimatliebe zu erheben, Das war Dienst am Volke, Dienst am Vater-
lande!

Nach einer umfangreichen Kundschafterfahrt, die allerlei belastendes Material
zu Tage gefördert hatte, stieg unser Archivarius in die tiefen Gewölbe
hinab, die unsere unerschöpflichen Aktenberge enthalten und vergrub
sich dort wochenlang, bis er im hintersten Winkel die Beweisstücke für die
Vergehen der Soester und Münsteraner Altvorderen aufgestöbert hatte. Die
böswillige Verheimlichung uralter Schulden lag klar vor aller Augen.

Soest hatte eine verbriefte Erbschaftsangelegenheit einfach unter den Tisch
fallen lassen, in der Hoffnung, dass’ mit der Zeit Gras darüber wachsen
würde. Münster hatte sich einer mit dem Edelsitz des Freiherrn von Romberg
übernommenen Spielschuld entzogen, obwohl diese doch urkundlich
nachzuweisen war. Wenn auch unsere pankgräflichen Ahnen in ihrer Gutmütigkeit
von der Eintreibung dieser Schulden zunächst Abstand genommen
hatten, so konnte doch ein endgültiger Verzicht nicht in Frage kommen.
Demgemäß erfolgte eine sanfte, aber doch ernste Mahnung zur Zahlung an
die säumigen Städte.

Die Antworten strotzten leider derart von Wortklaubereiein und Grobheiten,
ganz abgesehen von den uferlosen Rechts— und Linksverdrehungen, dass’
Selbst unser mobiler Hochmeister „Heinrich der Sanftmütige“ seine sprich-
wörtliche Sanftmut verlor und die Fehdehandschuhe (Marke Gigant und
Sohn) mit entsprechenden Fehdebriefen den beiden unbelehrbaren Städten
überbringen ließ.

Wie uns Kundschafter bald meldeten, trafen beide Städte außergewöhnlich
umfangreiche Vorbereitungen zur Abwehr unseres Sturmes, das beste
Zeichen, dass sich hinter ihrem hohntriefenden Geschreibseln nur blasse
Angst verbarg. Wir rüsteten demgemäß ein starkes Heer aus und waren uns
unseres Sieges von vornherein gewiss.

Fahrt gen Westen
Die nächtliche Fahrt gen Westen war für jeden Teilnehmer ohne Strapazen
möglich. Die Stadt Soest‚ die gegen 9.50 Uhr am Freitag erreicht wurde,
prangte im Schmuck unzähliger Fahnen, ein Zeichen, mit welcher Zähigkeit
man außerhalb der großen Städte an den alten Farben des Deutschen
Reiches festhielt. Gleich am Kornspeicher, wo unser Zug hielt, konnte ein
Spion ergriffen werden. Bei Feststellung seiner Personalien ergab sich, dass
es der Direktor des Speichers war, den wir als wertvolle Geisel mit uns
nahmen.
Dann begann der Sturm. Das „Osthoventor“ war stark verschanzt und wurde
von den Soester Landsknechten lange gehalten. Aber wer vermag sich auf
die Dauer dem „furor pankgraficus“ zu widersetzen? Das Tor wurde er-
stürmt und unser Sturmhaufen drang in die Stadt ein, wo ihm jedoch wenige
Schritte hinter dem Tor eine hohe Barrikade erneut Halt gebot. Dieses als
Knabberschanze ausgebildete Hemmnis wurde zudem noch von Ehrenjungfrauen
der Stadt verteidigt. Da war guter Rat teuer, denn gegen Jungfrauen
zu kämpfen hatten wir noch nicht gelernt. Auch waren wir auf eine solche
List nicht vorbereitet. Während wir uns mit westfälischem Schinken, Pumpernickel
und dem Korn in beiderlei Farbe beschäftigten und dadurch die Wachsamkeit der
Verteidiger ablenkten, verhandelte der Stellvertreter des Zeremonienmeisters
mit den Jungfrauen, die einen dichten Kreis um ihn
bildeten, Diesen Augenblick benutzten wir, um weiter in die Stadt einzudringen.
Auch die Übergabe der altbekannten Soester Esel hielt das Verhängnis nicht auf,
die Stadt war nicht mehr zu halten. Unter den schmissigen Klängen friederizianischer Märsche
— die Kapelle machte sich mit dem von den Pankgräfinnen gestifteten Schellenbaum
besonders prächtig — marschierten wir zum Rathaus. wo uns der Magistrat in
alter Amtstracht empfing. Der Bürgermeister begrüßte uns in demütiger
Haltung aber mit launigen Worten und ließ uns den 54 Pfund schweren Stadtschlüssel überreichen.
Es folgte ein Femegericht über einige Missetäter,
die nach der Soester Weise mit „Wippen“ im großen Teich bestraft werden.

Die anschließende Weihestunde in der Kirche „Maria zur Wiese“ ergriff die
Herzen der Anwesenden. Das „Liederquartett“ und das Orchester verschönten diese erhebende Feier.
Hatten wir bis dahin noch nicht die Herzen aller
erobert, so war es jetzt restlos geschehen. Immer wieder hörte man von
Soester Bürgern, welchen unvergesslichen Eindruck diese Weihestunde auf
alle Teilnehmer gemacht hatte, und dal3 sie in dieser ernsten Feier den
Höhepunkt des Festtages empfanden. Auch der abendliche Kommers fand
Dem zweiten Ziel unserer Jubiläumsritterfahrt, der Stadt Münster in Westfalen, wurde von den meisten
Teilnehmern nicht ohne Bedenken entgegengesehen. Münster galt und gilt noch heute als eine Hochburg
ultramontanen Katholikentums. Wir wussten, dass man uns dort mit einiger Zurückhaltung
begrüßen würde und weite Kreise sich von unseren Festlichkeiten fernhalten
würden. Desto größer war unser Bestreben, diesen eingefleischten Partikularisten zu zeigen, dass wir
ganz umgängliche Menschen seien.
Um 8.00 Uhr abends begann in der Stadthalle der Kommers. Die einleiten-
den Reden des Oberbürgermeisters und unseres Martin Boese wurden über
den Westdeutschen Rundfunk übertragen. Wie sehr man sich in Münster
Sorgen um die alltägliche Not machte und wie sehr man die Mission der
Pankgrafen in einsichtigen Kreisen der Stadt begriff, ging aus den Worten des Oberbürgermeisters
deutlich hervor. Boese, der im gleichen Sinn sprach,
stellte fest, dal9 nun, da die Rede überall in der Stadt gehört werden konnte,
ganz Münster uns verstand und Feuer fing. Jetzt erst war der Boden bereitet, und die Herzen hatten
sich geöffnet. Im „Friedenssaal“, in dem 1648 das Unglück Deutschlands durch einen erbarmungslosen
Frieden beschlossen worden war, sprach der Oberbürgermeister von Einigkeit, Opferwille und Tatkraft
die schon damals Großes erreichten für Deutschlands Volk. Mit dem Wunsch, dass es recht bald in Deutschland
wieder bergan gehen möge, verabschiedete sich der Oberbürgermeister von
uns.

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